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Nje-Nje
das Mädchen aus Myanmar

Andreas Tietjen






















© 2009 Andreas Tietjen

Auf einer mit großen, alten Bäumen eingefassten Straße, die übersät ist mit tiefen Schlaglöchern, spielen Kinder Gummitwist. Sie singen dabei Reime, lachen und unterhalten sich laut. Die Straße führt zum Ufer des mächtigen Ayeyarwaddy-Flusses, wo sie jäh in einer unbefestigten Böschung endet. Ab und zu einmal kommt ein klappriges Auto mit ein, zwei, oder gar drei weißhäutigen Touristen angerattert, ganz selten sogar mal ein richtiger moderner Bus mit einer ausländischen Reisegruppe. Dann werden die Kinder ganz aufgeregt, legen ihre Spielsachen zur Seite, streichen sich noch einmal ihre glänzend schwarzen Haare und ihre Kleidung in Form und holen rasch ihre verstauten Körbe hervor. Aus ihnen nehmen sie Ketten, Armreife aus grüner Jade und Postkarten, die sie den Touristen zum Verkauf entgegenstrecken.
Bis auf einen kleinen Jungen sind es nur Mädchen im Alter von sieben bis vierzehn Jahren. Einige von ihnen gehen zur Schule - meistens jedenfalls - aber das ist eher die Ausnahme, denn die Schule kostet viel Geld und die Kinder werden bei der Haus- und Feldarbeit gebraucht.
Nje-Nje ist mit ihren acht Jahren eines der jüngsten und kleinsten der Kinder. Sie ist schüchtern und sie kann noch nicht so viele Sätze in den verschiedenen Sprachen der Ausländer sagen. Es fällt ihr nicht leicht, diese komisch klingenden Laute der weißen Männer und Frauen auswendig zu lernen, aber sie gibt sich besonders viel Mühe damit. Fast tonlos wiederholt sie immer wieder Sätze wie: »Please buy my necklace. Hello, what is your name? My name is Nje-Nje. You buy me later? I remember you, you remember me!«

Sie kann auch schon ein paar Phrasen auf Japanisch, auf Französisch und auf Deutsch sagen. Nicht immer fallen ihr die richtigen Sätze ein, aber weil sie so klein ist, so schüchtern und leise spricht, und wahrscheinlich auch, weil sie so strahlend schöne schwarze Augen hat, haben die großen weißen Touristen meist sehr viel Geduld mit ihr.
Nur ganz selten kaufen die Ausländer etwas, wenn sie gerade angekommen sind. Sie haben es nämlich fast immer sehr eilig den steilen Lehmweg zum Fähranleger hinunter zu gehen, um den Fluss zu überqueren. Ihr Ziel auf der anderen Seite ist Inwa, eine alte Siedlung mit dem weltberühmten alten Teakholz Kloster Bagaya Kyaung, dem steinernen Maha Aungmye Tempel, den Resten der alten Befestigungsmauer aus rotem Ziegelstein und dem alten Wachturm, der genauso schief sein soll wie der Turm von Pisa. Die Touristen fahren in einachsigen Pferdekutschen durch die schöne Landschaft, vorbei an Reis- und Gemüsefeldern, durch kleine Dörfer, in denen es keinen Strom und keine Wasserleitungen gibt.
Schon oft hat Nje-Nje von der Schönheit Inwas erzählt bekommen, aber kaum einer aus ihrem Dorf hat sich je die Überfahrt mit dem Fährboot geleistet, um selbst einmal einen Eindruck von diesem besonderen Ort zu gewinnen.
Nach gut zwei Stunden kehren die Ausländer dann zurück, und nun kommt es darauf an, schneller als die anderen Kinder zu sein, und möglichst die Frau oder den Mann wiederzuerkennen, dem man vor der Hinfahrt seinen Namen, und den Satz »I remember you, you remember me!« gesagt hatte. Dieser Satz ist

nämlich so etwas wie ein Versprechen, eine Kette, oder einen Armreif aus Jade zu verkaufen. Und wenn Nje-Nje eine Halskette für 1000 Kyat, einen Dollar, oder sogar einen Euro verkaufen konnte, dann darf ihre Familie hundert Kyat davon behalten. Das ist zwar nicht viel Geld, auch nicht in einem bitterarmen Land wie Myanmar, aber jedes Mitglied einer Familie muss seinen Beitrag zum Lebensunterhalt leisten, damit niemand zu hungern braucht, und damit Dach und Wände der kleinen Hütte aus Bambusgeflecht und Palmblättern, regelmäßig repariert werden können.
Nje-Nje ist ein besonders fleißiges und ernsthaftes Mädchen. Ihre Eltern und Großeltern wissen das sehr zu schätzen, und so sind auch sie bemüht, Nje-Nje immer mit schöner und sauberer Kleidung zu versorgen und ihr und ihren beiden Geschwistern immer genügend zu Essen bereiten zu können. Auch den Touristen fällt Nje-Njes liebenswürdige Art offensichtlich auf, denn sie hat immer besonders viel Erfolg beim Verkauf ihrer Ketten und Armreife. Ihr Nachbarsjunge, der kleine Soi, hat es dagegen am schwersten, vielleicht auch deswegen, weil er Postkarten verkauft, und die Touristen an sehr vielen Orten, in denen sie vorher schon waren, ebenfalls Postkarten angeboten bekommen haben. Außerdem schreiben Touristen keine Postkarten mehr, sondern fotografieren viel lieber alles selber. Wenn Nje-Nje wieder einmal Bonbons, Zahnbürsten, Parfumproben oder sonstige kleine Geschenke von den Ausländern bekommen hat, gibt sie gerne ihrem Freund Soi etwas davon ab.
In diesem Winter waren besonders viele Touristen

gekommen und Nje-Nje hatte sehr viele Ketten und Armreife verkaufen können. Eines Tages ruft sie der Vater, der schon früh mit seinem Ochsen von der Feldarbeit heimgekehrt war, zu sich.
»Ich habe mit dem Lehrer gesprochen«, sagt er mit ernster Mine. »Wir können von dem Geld, welches Du verdient hast, eine Schuluniform kaufen, und für die nächsten Monate reicht es sogar für das Schulgeld.«
Nje-Nje ist überglücklich. Schnell läuft sie zu den anderen Kindern, um ihnen diese Neuigkeit zu erzählen. Ihre Freundinnen freuen sich mit ihr, einige sind ein bisschen neidisch, andere aber hoffen, nun selber mehr Ketten und Armreife verkaufen zu können.
Am nächsten Tag wäscht sich Nje-Nje ganz besonders gründlich am Flussufer und benutzt dafür ein sorgsam aufgespartes Stückchen Seife, welches ihr eine große Touristin vor ein paar Wochen geschenkt hatte. Sie zieht sich ein sauberes Kleid an und verschlingt anschließend ungeduldig ihre
Mohinga, eine sämige Fischsuppe mit Nudeln, die es fast jeden Tag zu essen gibt.
Als sie sich dann zusammen mit ihrer Mutter auf den Weg ins Dorf macht, um ihre erste eigene Schuluniform zu kaufen, hüpft sie den ganzen Weg aufgeregt neben ihrer Mutter her.
»Du machst mich ganz verrückt«, schimpft die Mutter, »kannst Du nicht vernünftig gehen, wie andere Leute auch?!«
Nje-Nje kann, aber es fällt ihr schwer, ihre Freude zu unterdrücken.
Beim Schneider probiert sie eine Uniform an, und gleich die Erste passt ihr wie angegossen. Der Stoff des

grünen Faltenrocks fasst sich vornehm steif an, die weiße Bluse ist gestärkt und duftet so schön neu. Am liebsten würde sie die Schuluniform anbehalten, damit alle Menschen im Dorf gleich sehen könnten, dass sie nun zur Schule gehen darf, aber ihre Mutter hat etwas dagegen.
»Du wirst die kostbare Uniform schmutzig machen!«, hält sie Nje-Nje vor.
Nje-Nje und ihre Mutter gehen weiter zu dem Kaufladen, wo sie eine wunderschöne Blechdose kaufen, in der ein Bleistift, ein Radiergummi, ein Anspitzer, ein Zirkel und ein kleines Lineal untergebracht sind. Dazu kauft ihre Mutter noch ein Schulheft mit Linien, damit sie darin akkurat schreiben kann, wenn sie demnächst die schönen, kringeligen Schriftzeichen gelernt haben wird. Zum Abschluss ihres Einkaufs bekommt Nje-Nje noch einen
Bain Mont Kuchen, der mit Kokosraspeln gefüllt und mit Mohn bestreut ist. So wird dies ein Tag, den Nje-Nje niemals in ihrem Leben vergessen wird.

Die Kinder in der Schule sind alle in ihren sauberen und gebügelten Uniformen erschienen. Nje-Nje gehört nun dazu. Sie ist stolz und fühlt sich groß und bedeutsam. Die anderen wissen schon viel mehr als Nje-Nje, aber Nje-Nje ist stets hoch konzentriert und sie liest der Lehrerin jedes Wort von den Lippen ab. Sie ist sehr fleißig und ernsthaft. Da sie etwas kleiner ist, als die übrigen Mädchen in ihrem Alter, und weil sie erst viel kürzere Zeit in der Schule ist, gibt sie sich besonders viel Mühe und zeigt einen enormen Ehrgeiz beim Lernen. Dies bringt ihr auch viele kleine

Erfolgserlebnisse und häufiges Lob ihrer Lehrerin ein.
Nach der Schule geht Nje-Nje mäßigen Schrittes zusammen mit ihren Schulkameradinnen nach Hause. Dabei haben sie sich sehr viel zu erzählen, und sie kommen sich sehr wichtig und erwachsen vor. Bei ihren Eltern, Großeltern und Geschwistern angekommen, erzählt sie, was sie alles gelernt hat. Ihre beiden jüngeren Schwestern, die leider nicht zur Schule gehen können, bewundern Nje-Nje und hören ihr aufmerksam zu.
»Nje-Nje hör auf große Reden zu halten«, ermahnt sie ihre Mutter. »Iss deine Suppe und zieh dich um.«
Nje-Nje liebt ihre Uniform und am liebsten würde sie diese den ganzen Tag lang tragen. Doch meistens muss sie ihre alte Kleidung anziehen, und ihren Eltern bei der Feldarbeit helfen.

»Wo ist eigentlich Eure Tochter Nje-Nje?«, fragt der dicke Mann aus Mandalay, der alle vierzehn Tage einmal in das Dorf gefahren kommt, um den Leuten aus der Flussallee die Waren für die Touristen zu bringen, und das Geld aus dem Verkauf der Ketten, Armbänder und Postkarten zu kassieren.
»Warum verkauft sie keine Ketten mehr?«
Ihm war aufgefallen, dass Nje-Nje erfolgreicher ist als die anderen Kinder, und dass sie besser bei den Ausländern ankommt als diese. Seitdem Nje-Nje allerdings zur Schule geht, sind es immer ein paar Tausend Kyat weniger in seiner Tasche, und das ärgert ihn.

Von diesem Tag an muss sich Nje-Nje nach der Schule schnell auf den Weg zum Fähranleger machen, wo schon die anderen Kinder damit beschäftigt sind, den Touristen Ketten und Armbänder und Postkarten zu verkaufen. Manchmal hat sie dann keine Zeit mehr, sich vorher umzuziehen, und dann darf sie ihre schöne grün-weiße Schuluniform anbehalten.
»Ach sieht die niedlich aus!«, ruft dann eine ältere Dame zu ihrem Mann. Dann wendet sie sich an Nje-Nje, und Nje-Nje spricht sie auf Englisch an: »Hello, what is your name? Please buy my necklace. My name is Nje-Nje. You buy me later? I remember you, you remember me!«
»Nein!«, stößt die Dame entzückt aus. »Sie kann sogar Englisch sprechen! Sag mal Mädchen, gehst Du auch brav zur Schule?«
Diese Frage kann Nje-Nje mit gutem Gewissen und stolz erhobenem Haupt bejahen.
»Gehen denn die anderen Kinder auch brav zur Schule?«
Sie tun es nicht, da ihre Eltern nicht genügend Geld verdienen, um sie dorthin gehen zu lassen. Die Dame ist ganz begeistert davon, dass Nje-Nje brav zur Schule geht, und deshalb kauft sie ihr gleich mehrere Ketten ab, streicht ihr anerkennend übers Haar und gibt ihr zweitausend Kyat für jede Kette. Dann erzählt sie den anderen Touristen aus ihrem modernen Reisebus, dass Nje-Nje als Einzige der ganzen Kinderschaar brav zur Schule geht, und fast alle Touristen kaufen Ketten, manche auch Armbänder oder Armreife aus Jade bei ihr.
Die anderen Kinder sind traurig darüber, denn sie

haben an diesem Tag kaum etwas verkaufen können. Nje-Nje aber ist stolz und glücklich, und sie weiß, dass sie mit dem vielen Geld, welches sie verdient hat, weitere Monate zur Schule gehen kann. Auch der dicke Mann aus Mandalay ist zufrieden und lässt Nje-Nje doppelt so viele Ketten, Armbänder und Armreife da, wie er es sonst getan hat.
Nje-Nje fühlt sich wie eine kleine Prinzessin. Sie ist jetzt die beste in der Schule, sie hat viele Freundinnen und Freunde gewonnen, und sie ist zu Hause nicht mehr das kleine Kind, sondern ein wichtiges Mitglied der Familie, welches auch einen großen Beitrag zum Einkommen leisten kann.

In diesem Jahr aber gab es viel mehr Regen als sonst in der Monsunzeit. Viele Felder sind zerstört, und weil das Hochwasser so langsam abgelaufen ist, konnte ihr Vater den Reis, den Sesam, und die Sojabohnen nicht einpflanzen und aussäen. Alles ist nun viel später dran als sonst und die Vorräte gehen zur Neige. Zu allem Unglück kommen nun auch viel weniger Touristen. Die Kinder verkaufen kaum noch Souvenirs, nur Nje-Nje hat noch etwas mehr Erfolg, weil die Ausländer nach wie vor belohnen wollen, dass das Kind brav zur Schule geht. Sie haben offensichtlich keine Ahnung, dass es für ein Kind in Myanmar gar nicht
brav ist, zur Schule zu gehen, sondern ein ganz großes Privileg; dass die Kinder gerne zur Schule gehen und stolz darauf sind.
An diesem Tag sagt Nje-Njes Vater beim Frühstück mit ernster Miene: »Nje-Nje, wir haben bald nichts mehr zu essen, denn die Ernte wird erst in drei Monaten reif

sein und für den Ersatz des verloren gegangenen Saatguts und für die Reparatur des Daches haben wir uns hoch verschulden müssen. Du bist im Moment die Einzige, die noch etwas Geld mit nach Hause bringt. Auch wenn es mir noch so leidtut, kannst Du nicht mehr zur Schule gehen.«
Nun geht Nje-Nje wieder morgens zum Fähranleger und hofft, dass ein klappriges Auto mit ein, zwei, oder gar drei weißhäutigen Touristen angerattert kommt, oder sogar mal ein richtiger moderner Bus mit einer ausländischen Reisegruppe. Während sie dort wartet, darf sie nicht mit den anderen Kindern Gummitwist spielen, denn sie trägt ihre kostbare Schuluniform, die nicht verschmutzen darf, oder gar Schaden nehmen. Nje-Nje ist darüber sehr unglücklich und sie schämt sich, dass sie nun den ausländischen Touristen vorlügen muss, dass sie brav zur Schule geht. Wenn dann Touristen sagen: »Ach sieht, die niedlich aus!«, und Nje-Nje sie auf Englisch anspricht: »Hello, what is your name? Please buy my necklace. My name is Nje-Nje. You buy me later? I remember you, you remember me!«, dann antworten diese meist entzückt: »Sie kann sogar Englisch sprechen! Sag mal Mädchen, gehst Du auch brav zur Schule?«
Nje-Nje nickt dann verschämt, und sie würde in diesem Moment am liebsten in dem lehmigen Erdboden versinken. Sie bekommt häufig kleine Geschenke, die sie immer an die anderen Kinder weiterschenkt, weil diese in ihrer alten, dreckigen Kleidung kommen und nicht wie sie vorgeben, brav zur Schule zu gehen.










Zu dieser kleinen Geschichte hat mich mein dritter Besuch Burmas (Myanmars) im Herbst 2009 inspiriert. Als ich am Ufer des mächtigen Ayeyarwaddy-Flusses auf die altersschwache Holzfähre warten musste, kam ich mit den Kindern dort ins Gespräch. Durch vorsichtiges, fragendes Herantasten gelang es mir, einige Informationen über das Leben und den Alltag der Dorfbewohner in Erfahrung zu bringen. Was uns zivilisationsverwöhnte Europäer als trostloses und bisweilen grausam anmutendes Dasein erscheint, ist in einem Land wie Burma vertraute Realität, der man sich fügt und unterordnet. Natürlich haben diese Menschen Träume, die von Fortschritt und besseren Lebensumständen handeln. Diese Wunschvorstellungen haben jedoch in keiner Weise etwas mit dem zu tun, was wir unter einem glücklichen, erfolgreichen Leben verstehen.
Gelingt es einem ausländischen Reisenden einmal, durch Verlassen der touristischen Pfade, einen tieferen Blick hinter die Kulissen zu werfen, so stellt er meist zumindest die Alleingültigkeit seiner eigenen Wertvorstellungen infrage.