Tod am Mekong
Eine Thailand Road-Stary







Impressum:

Erste Auflage:
© November 2005 – Andreas Tietjen
Zweite Auflage:
© April 2008 – Andreas Tietjen
© 2008 der vorliegenden Ausgabe – Books on Demand GmbH

Umschlaggestaltung: A.Tietjen
Umschlag-Fotos: Sabine Grollmus-Tietjen
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt

Printed in Germany

ISBN 978-3-8334-4191-2

www.tod-am-mekong.info

Am Nachmittag trafen sie sich mit Chai. Sie fuhren in dem alten Toyota zum Lumpini-Park und machten einen Spaziergang durch die schöne Gartenanlage. Sie beobachteten, wie ein etwa zwei Meter langer Waran eine Ente inmitten des Parkgeländes zerfetzte und verschlang. Keiner der zahlreichen Besucher störte sich daran! Dann bummelten die drei Männer noch ein wenig die angrenzenden Straßen des Stadtteils Silom entlang und aßen an einer Straßenküche schmackhafte Nudelsuppe mit Schweinefleisch. Es war ein schöner Ausflug, aber die Stimmung der Drei war schon sehr von der bevorstehenden Abreise geprägt. Ständig sah einer von ihnen auf die Armbanduhr oder fragte, hast du dies eingepackt?, hast du an jenes gedacht? Es war für alle in gewisser Weise erleichternd, als sie endlich wieder am Hotel angelangt waren.

Nach einer kurzen Abschiedsszene stand Thomas plötzlich ganz alleine vor dem Hoteleingang und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Obwohl er mit Nils ausgiebig über den weiteren Verlauf des Urlaubs gesprochen und eigentlich auch überhaupt keine Bedenken hatte, dass er mit der neuen

Situation nicht umgehen können würde, fühlte er sich im Augenblick ziemlich verloren in dieser fremden Welt. Thomas beschloss, sich noch etwas die Beine zu vertreten und bummelte die Sukhumvit Road entlang. Er sah sich die vielen, bunten Auslagen der unzähligen Verkaufsstände an. Eine lange Cargohose, aus einem leichten Baumwollstoff, hatte es ihm angetan. Nun kam der große Moment, wo er das erste Mal in diesem fremden Land feilschen musste. Es ging zunächst ganz harmlos los, mit: »How much?« und »Oh, no! 400 Baht is too much!«
Der kleinwüchsige Verkäufer tippte wie ein Wilder auf seinem riesigen Taschenrechner herum und zeigte Thomas dann seine Preisvorstellungen auf dem Display. »No mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me more, mistääh!«, lamentierte er.
Nun zündete Thomas die zweite Stufe der Rakete. Er machte ein zerknittertes, schmerzverzerrtes Gesicht und log: »I am a poor student from Finland! I have ten children!«
Der Thailänder fing an zu lachen und antwortete: »I have twenty children, mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me tree-hundred, mistääh, please!«

»My wife is in hospital!«, insistierte Thomas grinsend, »I must pay for the doctor! Doctor is very expensive!«
Nun konnte sich der Verkäufer kaum noch halten vor lachen. Sie einigten sich auf 200 Baht, und sie konnten beide wirklich zufrieden mit ihrem Geschäft sein. Und das wichtigste war dabei, dass sie
Sanuk - Spaß - hatten.

Es war zwar noch nicht so spät, aber Thomas beschloss trotzdem, auf sein Zimmer zu gehen. Er hatte Lust ein wenig fernzusehen, die Minibar zu plündern und am nächsten Morgen zeitig aufzustehen. Also lenkte er seine Füße den inzwischen vertrauten Weg entlang zum Fahrstuhl. Wie kaum anders zu erwarten hatte der Liftboy Khun Bom wieder Dienst und begrüßte ihn wie einen alten Freund. Er öffnete die Fahrstuhltür und lies Thomas einsteigen. Doch ganz unerwartet stieg er mit in den Lift und drückt rasch den Schließknopf. Dann fragte er den verdutzten Thomas: »You want a lady? Very nice lady! No problem!«
Thomas war völlig irritiert, ein bisschen empört, ängstlich. Er starrte Khun Bom an, ohne zu antworten. Dieser klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter und erklärte ihm lächelnd, dass das ganz normal wäre, hier in Bangkok. »No Problem!«, wiederholte er beschwichtigend. »Only take away lonelyness.«
Thomas hatte noch nie etwas mit einer Prostituierten zu tun gehabt. Irgendwie passte das überhaupt nicht in sein Welt- und Wertebild. Er fand die Vorstellung immer abstoßend. Aber je stärker Bom auf ihn einredete, desto unsicherer wurde er.

Warum eigentlich nicht?, fragte er sich schließlich. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr mit einer Frau geschlafen. Er hielt sich an und für sich nicht für prüde, war vielleicht etwas verklemmt in verschiedenen Dingen. Wer sollte es ihm übel nehmen, oder aus welchen Gründen auch Vorwürfe machen?!
»How much?«, hörte er sich sagen und erschrak bei seinen eigenen Worten. How much, mein Gott war das billig! Das war wohl die schlechteste Frage seines Lebens! Thomas wie tief bist Du gesunken?!
Khun Bom fand allerdings überhaupt nichts Schlimmes an der Frage und nannte ohne zu zögern einen Preis: 1.500 Baht. Dann kam er ganz schnell zur Sache, denn die Fahrstuhltür öffnete sich bereits mit dem vertrauten Bing. Während er den Finger auf dem
Open-Knopf gedrückt hielt, redete er weiter beruhigend auf den nervösen Thomas ein und versprach ihm, dass er ein ganz besonders nettes Mädchen schicken, und dass Thomas den Abend bestimmt nicht bereuen würde.

Thomas stolperte in sein Zimmer und war völlig aufgeregt. Ihm schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf.

Dann fiel sein Blick auf die Minibar und er nahm sich gierig ein Fläschchen Regency heraus und goss sich einen ordentlichen Schluck davon in ein Glas. Er spülte den ekelig synthetisch schmeckenden Weinbrand in einem Schluck herunter, schüttelte sich und ging ins Bad. Erst einmal Duschen, dachte er. So verschwitzt kann ich doch keiner Frau gegenübertreten. Er hatte sich von Khun Bom eine Stunde Zeitvorsprung erbeten, diese Zeit wurde nun jedoch zu einer Ewigkeit. Nervös ging er im Zimmer auf und ab. Sollte er die Bettdecke aufklappen, oder sähe das zu eindeutig nach dem aus, was es ja eigentlich war? Sollte er der Dame zuerst etwas zu Trinken anbieten? Wenn ja, was? Whisky? Das war ja wohl nicht das Richtige. Tee! Das wär´s! Tee bekommt man hier in Thailand zu jeder Gelegenheit. Tee ist unverfänglich. Auf der Anrichte über der Minibar befanden sich ein Wasserkocher, zwei Tassen und zwei Teebeutel. Problem gelöst, Gott sei Dank! Aber das Licht! Welche Leuchten sollte er einschalten? Es durfte nicht zu hell sein, aber auch nicht zu dunkel. Thomas rannte durch den Raum und knipste die Stehlampe an. Jetzt noch die Deckenbeleuchtung aus ... es klopfte! Scheiße! Was mach ich jetzt?! Er

stand wie angewurzelt da, starrte die Tür an. Pock pock pock! Thomas musste etwas tun! Fünf Schritte, dann war er bei der Tür. Er öffnete sie mit einem Schwung. Vor ihm stand ein junges Mädchen, vielleicht 25 Jahre alt, grinste ihn an.
»Hello, I´ m Noi.«
Sie huschte an ihm vorbei, musterte den Raum kurz und warf einen Stoffbeutel lässig auf den Stuhl. Dann verschwand sie im Bad. Thomas schloss die Tür und flüsterte vor sich hin: »Hello Noi, nice to meet you.«
Noi planschte etwa 10 Minuten lang im Bad und kam dann in ein großes, weißes Hotel-Badehandtuch gewickelt heraus. Sie ging auf Thomas zu, nahm ihn am Ellenbogen und führte ihn lächelnd, mit sanftem Druck ebenfalls ins Bad.
»Ich hab gerade ...«, murmelte er auf Deutsch, fügte sich dann aber und duschte sich artig erneut ab. Das Handtuch um die Hüfte geschlungen, kam er ins Zimmer zurück. Noi lag unter der Decke, das Licht im Raum war, bis auf ein Notlicht, das rot schimmert, ausgeschaltet.
»Do you want to drink anything?«, fragte Thomas unsicher. Noi deutete auf eine geöffnete Coladose, die Thomas nun konturenhaft auf dem Nachttisch erkennen

konnte und sagte: »Hep dlink, Colaaa.«
So, das wäre geklärt, aber was jetzt? Thomas stand bewegungslos neben dem Bett.

Gegen elf Uhr wurde Thomas wach. Sein Schädel dröhnte pulsierend. Es tat sehr doll weh, als Thomas sich aufrichtete, um aus seinem Tagesrucksack ein paar Aspirintabletten zu holen! Er fühlte sich, auch in Erinnerung an den vergangenen Tag, so elend, dass er sich am liebsten noch einmal bei allen Leuten, denen er bisher in Thailand begegnet war, entschuldigen, und dann den nächsten Flieger zurück nach Deutschland nehmen wollte. Deutschland, das schien ihm jetzt eine Ewigkeit entfernt. Was sollte er jetzt in Deutschland anfangen? Thomas wollte nicht weiter nachdenken. Dieser Urlaub hatte sich nach so wenigen Tagen zu solch einem Chaos entwickelt, aber an zu Hause mochte er auch nicht erinnert werden. Die Tabletten fingen an zu wirken. Thomas war wütend auf sich selbst. Wie konnte er nur so die Kontrolle über sich verlieren! Beherzt sprang er aus dem Bett, ging unter die Dusche und machte sich frisch für einen neuen Tag.

Als er im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl trat war Khun Bom zum Glück nicht zu sehen. Das Frühstücksbuffet war um diese Uhrzeit natürlich längst abgeräumt. Er verließ das Hotel und steuerte auf einen

Taxistand zu. Dem Fahrer braucht er nur »Kao Sarn Road« zu sagen; diese Straße kannte jeder in Bangkok. Die Kao Sarn Road war DIE Travellerstraße schlechthin. Berühmt lange vor Alex Garlands The Beach tummelten sich hier all die Touristen, die als Rucksackreisenden ohne Rücksicht auf die Kultur und die Empfindsamkeiten der Einheimischen ihre eigene, gepiercte und tätowierte Weltanschauung in die Gegend blakten. Hier gab es alle Annehmlichkeiten, auf die ein verwöhnter Weltenbummler nicht verzichten konnte: Westliches Essen, Pubs mit Fußball vom Breitwandbildschirm, Pop-Musik vom Feinsten, tollen Modeschmuck, billige Klamotten, gefälschte Studenten- oder Presseausweise, etwas zu Kiffen und - natürlich - europäisches Frühstück von morgens bis nach Mitternacht. Thomas setzte sich in einem der Restaurants, Pubs, Bistros, oder was auch immer das sein sollte, an einen Tisch direkt an der Straße. Aus den viel zu großen Lautsprechern plärrte viel zu laut die viel zu nervige Musik von Robby Williams. Eine unfreundliche, dicke Frau kam an den Tisch und brachte wortlos eine zerfetzte, laminierte Speisekarte. Thomas wählte ein Käse-Sandwich, Kaffee und Wasser-

melonen-Shake. Der Laden war einfach unmöglich, aber das Frühstück war super! Die Leute waren weiterhin abweisend, Thomas Stimmung jedoch wurde von Minute zu Minute besser. Er riskierte einen Satz auf Thai, den er im Laufe der letzten Tage aufgeschnappt hatte, und der ihm jetzt gerade einfiel: »Aroi maak!« - »Schmeckt sehr gut!«. Als wenn jemand in einer stürmischen Gewitternacht den Strom wieder eingeschaltet hätte, erleuchtete ein Lächeln das Gesicht der Dicken.
»Khop khun khaa!« Dabei lächelte sie Thomas an, als wäre verliebt in ihn. Von dem Moment an bedachte sie ihn mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten. Sogar den völlig unbenutzten Aschenbecher wechselte sie gegen einen frischen aus.
Der Wassermelonenshake erfrischte herrlich. Eine perfekte Medizin gegen den Kater vom Vortag und gegen die inzwischen sengende Hitze der Mittagszeit. Thomas beobachtete das Treiben auf der Travellerstraße und schlürfte einen Shake nach dem anderen. Plötzlich hielt ein Motorrad knatternd direkt vor seinem Tisch an. Darauf saß ein Polizist in seiner typischen, martialischen Uniform, die stark an die fiesen amerikanischen Cop-

Uniformen erinnerten. Naja, und die braune Farbe ...! Dazu kamen die Sonnenbrille und der überdimensionale Revolver. Kurz: Eine furchterregende Gestalt! Er blieb auf seinem Motorrad sitzen und redete laut mit der dicken Frau aus dem Restaurant. Ein weiteres Motorrad hielt an, der Polizist darauf grüßte respektvoll und es wurden Dokumente ausgetauscht, scheinbar auch Anweisungen erteilt. In kürzester Zeit fanden sich drei, vier Gesetzeshüter ein und die gleiche Prozedur wiederholte sich. Unser Cop schien dabei der höchste Dienstgrad zu sein, vielleicht auch der Chef der Truppe. Die ganze Szene machte einen etwas beunruhigenden, wenn nicht sogar beängstigenden Eindruck auf Thomas. Die Typen sahen aus, als würden sie erst schießen und dann fragen, was los ist.
Die Dicke kam aus der Küche mit einem vielleicht eineinhalbjährigen Säugling auf dem Arm und ging damit auf den Polizisten zu. Der holte ein Tuch aus einem Fach unter seinem Sitz ... einen Lappen, schüttelte ihn aus, klopfte den Dreck mit den Händen ab, faltete ihn sorgsam und breitete ihn auf dem Tank des Motorrades aus. Dann streckte er seine Arme dem Jungen entgegen und setzte ihn vor sich auf den Tank. Er nahm die

scheußliche Sonnenbrille ab und ein herzerwärmendes Lächeln strahlte stolz in Thomas Richtung. Was für eine Verwandlung! Thomas lächelte gerührt zurück und nickte freundlich. Der Polizist sagte stolz »My son!« und hielt sich die ausgespreizte Hand vor die Brust. Thomas erwiderte: »Lovely!«

Dr. Markus Grünzel war genervt. Nachdem er elf Stunden lang das Geschnatter und Gekicher zweier Schwarzafrikaner in der Sitzreihe vor ihm ertragen musste, die sich wie Kinder benahmen - wie dumme Kinder - stand er jetzt schon seit einer dreiviertel Stunde an der Passabfertigung. Seitdem klar war, dass der neue internationale Airport Suvarnabhumi genügend Kapazität besitzen würde, um spielend mit dem gesamten Flugverkehr des Drehkreuzes Bangkok fertig zu werden, verkam der gute alte Don Muang Airport zusehends und die Motivation der Tausenden von Bediensteten ließ noch mehr zu wünschen übrig als zuvor. Dr. Grünzel hatte einen teuren Businessclass Sitz bei Lufthansa gebucht. Geflogen war er schließlich aber mit der Partner-Airline Thai Airways. Es passte ihm überhaupt nicht, sich mit einer Dritte-Welt-Fluglinie zufrieden geben zu müssen, auch wenn er sich eingestehen musste, dass sowohl die Maschine als auch die Crew einen ausgezeichneten Eindruck machten. Die Afrikaner vor ihm jedoch hatten ihn fast zur Raserei gebracht.

Nun wartete er also seit nahezu einer Stunde zusammen mit Hunderten von Passagieren

in einer Schlange vor der Passabfertigung und der einzige Beamte hatte alle Zeit der Welt. Ab und zu stand der auf, schlenderte ganz ruhig zu einem Glaskasten am Ende der Halle, die im übrigen neun weitere unbesetzte Abfertigungsschalter hatte, plauderte ein paar Worte mit den dort vergnügt schwatzenden Kollegen, füllte sich ein Glas mit Eiswasser und bewegte sich genauso gelassen wieder zurück zu seinem Platz. Die Halle war tief gekühlt und trotzdem stank es nach dem Schweiß der vielen wartenden Menschen. Kinder plärrten, ihre Eltern brüllten sie an, es herrschte eine gereizte Atmosphäre. Der Gereizteste von allen war Dr. Grünzel. Endlich war er an der Reihe. Er schaffte es nicht, sich zu beherrschen und die Prozedur einfach über sich ergehen zu lassen. Nein, er musste unbedingt Dampf ablassen und dem Passbeamten seine Meinung über diesen Flughafen mitteilen. Einem Airport, der sich International Airport nannte, und in dem Raucher in wenige, total vernebelte, stinkende Glaskästen gezwungen wurden. In dem eine chaotische Beschilderung die viel zu vielen Reisenden in die Irre führte, und in dem man als reicher Businessclass-Flieger von den Beamten der Passabfertigung

behandelt wurde wie der letzte Dritte-Welt-Abschaum.
Der Beamte hörte sich Dr. Grünzels Ausführungen aufmerksam an und fragte dann ganz ruhig nach dem Zweck seines Aufenthalts. Als Dr. Grünzel als Grund »Business« nannte, fragte der Beamte neugierig: »What kind of business?«
Grünzel war auf diese Frage einfach nicht vorbereitet. Erneut entfuhr ihm ein Schwall sehr deutlicher, aber offenbar nicht eindeutiger Worte, was der Beamte letztendlich zum Vorwand nahm, ihn zu einer eingehenden Befragung durch einen höherrangigen Kollegen in einen
VIP-Raum zu bitten. Diese Anhörung schließlich erstreckte sich auf weitere zweieinhalb Stunden. Während dieser Zeit gelang es dann Dr. Grünzel doch noch seine Beherrschung wieder zu gewinnen, sehr charmante Worte der Entschuldigung zu formulieren und nicht zuletzt zu begreifen, dass er sich in einem fremden Land befand, dass ihm seine Gastfreundschaft freiwillig anbot und dieses Angebot auch jederzeit wieder zurücknehmen konnte.

Als er nach Stunden erschöpft und durchgeschwitzt, mit einem sechs Wochen

gültigen Visum seine Einreise vollzog, war das Gepäckband selbstverständlich längst mit dem Hab und Gut von später eingetroffenen Reisenden gefüllt. Doch seinen Koffer fand Dr. Grünzel sehr schnell beim Zoll wieder. Er war geöffnet und gründlich durchsucht worden, nur schließen ließ er sich offensichtlich nicht mehr richtig. Vielleicht eine Erklärung dafür, dass der Ärmel eines seiner Ignatious-Joseph Hemden seitlich aus dem leicht verbogenen Schließprofil des Koffers heraushing und auf dem Boden scheuerten. Dr. Grünzel konnte sich nicht erinnern, dass er sich jemals so fix und fertig gefühlt hatte. Mit einem gequälten »Thank you« nahm er das verbeulte Gepäckstück an sich und schleifte es hinter sich her in Richtung Ausgang.
Dr. Grünzels Reise war bei einer Hamburger Agentur gebucht worden, die ihm schon seit Jahren alle Geschäftsreisen organisiert hatte. Man hatte ihm dort hoch und heilig zugesichert, dass er von einer klimatisierten Limousine, gesteuert von einem zivilisierten, englisch sprechenden Fahrer, abgeholt und zu seinem Hotel gebracht werden würde. Und tatsächlich war er stundenlang im gesamten Flughafengebäude ausgerufen worden. Ein mit den

Landessitten vertrauter Mensch hätte immer noch die, inzwischen fast flehende, Lautsprecherdurchsage, mit der Suche nach »Mr. Gunsäh flom Flänkfööht« einem Herrn Grünzel aus Frankfurt zuordnen können.

Nach diesem wirklich gründlich misslungenen Start in ein neues unbekanntes Land nahm Dr. Grünzel bereitwillig das Angebot an, ein relativ einfaches Zimmer in dem völlig entlegenen
Hotel Maenam für 65 $ zu beziehen. Einem Hotel im Stadtteil Bang Kholem, zu dem ihn der total verblödete Taxifahrer gefahren hatte, weil dieser nicht wusste, dass es ein Hotel Dusit Thani gab und dass Dr. Grünzel seine dort gebuchte Unterkunft bereits im Voraus bezahlt hatte.
Grünzel warf seinen Koffer und das Cabinecase auf eines der beiden Betten und sich selber auf die andere Schlafstätte. Im Liegen entfernte er die Krawatte und öffnete sein Hemd.
»So eine verdammte Scheiße!«, hauchte er erschöpft. »Sollen die dich verdammtes Arschloch doch aufhängen! Seit deiner verfluchten Geburt vor fünfundzwanzig Jahren versaust Du mir mein ganzes Leben!«

Grünzel musste einen Kloß im Hals herunterkämpfen. Eine Träne im rechten Auge verriet, dass er einen absoluten Tiefpunkt in seinem Karriereleben erreicht hatte. Seine verzweifelte Wut galt seinem eigenen Sohn Florian. Der Junge hatte schon angefangen zu lügen als andere Kinder gerade einmal Papa sagen konnten. Er sah bereits als Vorschüler nach dem aus, was aus ihm später tatsächlich werden sollte: ein Totalversager. Er war der Schwänzer, Petzer, Erwischenlasser und Mickerling, der jedem Menschen schon durch seine Anwesenheit auf die Nerven ging. Er bekam die gesamte Prügel seiner Schule ab, und weiß Gott, er hatte sie komplett verdient. Im Alter von elf Jahren soff er schon heimlich Fusel mit den Pennern vom Hauptbahnhof und bereits mit vierzehn drückte er sich seine erste Spritze. Dr. Markus Grünzel stand als Vorstand eines international verflochtenen Konzerns im Rampenlicht. Er hatte unzählige Auftritte in den Medien und natürlich vor der Elite der Wirtschaft. Er war stolz darauf, als promovierter Wirtschaftswissenschaftler in die Spitze der Wirtschaftslenker vorgestoßen zu sein, als Macher, der sich in allen relevanten Fragen bestens auskannte, anerkannt zu sein. Doch immer wieder hatte

sein eigener Sohn seinem Ruf Schaden zugefügt. Immer wieder hatte er seine Beziehungen ausspielen müssen, um dem missratenen Sprössling aus der Patsche zu helfen. Zig tausende von D-Mark hatte er für die verschiedenen Erziehungseinrichtungen verschwendet und am Schluss doch resignierend feststellen müssen, dass das alles Vergebens war.
Nun saß Florian Grünzel in Thailand im Gefängnis und wurde des Drogenhandels beschuldigt. Jeder Mensch wusste, was das bedeutet: Auf den Handel mit Drogen jeder Art stand zwangsläufig die Todesstrafe! Und im Falle des Sohnes von Dr. Markus Grünzel würde darüber hinaus ein Presse-Skandal ersten Ranges drohen, was fast noch schwerer wog!
Es war Grünzel bisher immer gelungen, mit vielen Euro und mit der Hilfe einiger Konzernjustiziare mit guten Auslandskontakten, Florians Eskapaden geheim zu halten. Doch nun war seine persönliche Intervention unumgänglich. Von der ersten Nachricht über die Verhaftung seines Sohnes bis zu der Entscheidung, selbst nach Thailand zu fliegen, hatte er gerade einmal eine halbe Stunde Bedenkzeit gehabt. Dann ging alles

sehr schnell. Sein Anwalt, der gleichzeitig seine wichtigste Vertrauensperson war, hatte fernmündlich und per Fax alles Nötige für Grünzels Aufenthalt in Bangkok vorbereitet. Er sollte dort empfangen und ins Hotel gebracht werden. Auch einen Termin in einer Anwaltskanzlei war schon organisiert worden. Bisher hatte Dr. Grünzel allerdings den Eindruck gewinnen müssen, dass es an der gewissenhaften Umsetzung haperte. Grünzel raffte sich auf. Er entkleidete sich und ging ins Bad. Die Dusche, die er nun bitter nötig hatte, befand sich in der Badewanne und war mit einem stockigen Duschvorhang versehen. So etwas hatte er seit seinem Studium nicht mehr gesehen. Trotz seines Ekelgefühles stieg er unter die Brause und schäumte sich ein.
In frische Wäsche gehüllt tat er etwas, was er schon seit seiner Studentenzeit nicht mehr gemacht hatte: Er bestellte sich eine Flasche Scotch Whisky und einen Kübel voll Eis auf das Zimmer und betrank sich, bis er einschlief.

Gegen ein Uhr mittags wurde Grünzel von allen Geräten, die in der Lage waren Töne von sich zu geben, gleichzeitig aus dem Koma gerissen. Sein Palm weckte ihn

pünktlich um 7 Uhr deutscher Zeit, sein Handy klingelte, weil man ihn im Dusit Thani Hotel, in der Rechtsanwalts Kanzlei im Stadtteil Silom, und seit einer Stunde nun auch endlich in Frankfurt als verschollen betrachtete. Die Rezeption des Maenam Hotels wollte schließlich wissen, ob er sich noch in seinem Zimmer befand und ob er dieses für eine weitere Nacht zu buchen wünschte. Grünzel verschob unter dem Vorwand, unter Jetlag zu leiden, alle Termine um einen Tag. Dann begab er sich ins Bad, machte sich in aller Ruhe frisch und überlegte in dieser Zeit sein weiteres Vorgehen. An der Rezeption mietete er einen Englisch sprechenden Chauffeur und die einzige Hotel-Limousine für den Rest des Tages. Für den ganzen Rest! Die Limousine war eine älterer Lexus und das Englisch des Chauffeurs war eine Katastrophe, aber mehr hatte Grünzel nach seinen ersten Erfahrungen in Bangkok auch nicht erwartet. Überrascht hingegen war er von der Versiertheit und den Kenntnissen des Fahrers. Als er sich erst einmal an dessen unmögliche Aussprache und Grammatik gewöhnt hatte musste er feststellen, dass der Kerl unglaublich gut über die Bedürfnisse und Gewohnheiten von

europäischen Geschäftsleuten bescheid wusste. Zielsicher fuhr er ihn zu den feinsten Geschäften der Stadt, in denen sich Grünzel mit Garderobe und einem neuen Koffer ausstattete. Einen zweiten Akku für sein Notebook fand er in kürzester Zeit in einem Shop im Siam-Center und sogar ein italienisches Restaurant erster europäischer Klasse steuerte er gezielt an. Daneben betätigte er sich als diskreter Butler, Taschenträger und Dolmetscher.
Am späten Abend chauffierte ihn Khun Duan, wie sich der Fahrer nannte, in einen gepflegten Massagesalon, in dem perfekt aussehende Damen, in Naturstein-Teakholz-Ambiente, kultiviert für alle möglichen Schweinereien zur Verfügung standen. Grünzel hatte seine alte Form wiedergefunden!

Vu Hei war ein Bastard. Er war der Sohn einer Chinesin und eines Vietnamesen. Der Vater war als Angehöriger einer vietnamesischen Minderheit Anfang der Siebziger Jahre vor den Roten Khmer aus Kambodscha geflohen und hatte im Osten Thailands bei einem Smaragdschürfer Asyl gefunden. Er musste hart für seinen Unterhalt schuften und führte bei seinen chinesischen Gastgebern ein sklavenähnliches Dasein. Er hatte sein Schicksal so klaglos und dankbar hingenommen, dass er das Mitleid und die ständige Aufmerksamkeit der Tochter des Hauses gewann. Als die Smaragdmine dann versiegte und der Besitzer dies nicht wahrhaben wollte, kam der schnell in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verlor seinen Wohlstand und sein Ansehen in der Gemeinde. Für den Flüchtling gab es keine Arbeit und keine Herberge mehr und so suchte er sich eine andere Beschäftigung, die ihm ein bescheidenes aber freies Leben ermöglichte. Eines Tages konnte er sogar die Tochter seines ehemaligen Sklaventreibers heiraten, und aus dieser Ehe gingen Vu-Hei sowie drei weitere Geschwister hervor. Hei litt als Erstgebohrener ganz besonders unter der

mangelnden Akzeptanz der elterlichen Verbindung in der Kleinstadt. Als Mitglied in der Chinesische Gemeinschaft war der arme vietnamesische Flüchtling nicht akzeptabel und in der thailändischen Gesellschaft nahm er einen niedrigen Rang, noch unterhalb der Chinesen ein, die aufgrund ihrer Geschäftstüchtigkeit und ihrer streng reglementierten Lebensweise beargwöhnt wurden. Ja selbst die Khmer-Minderheit war in der Hierarchie höher eingestuft als dieses unglückselige Paar. Sohn Vu Hei fand kaum Freunde, keine Anerkennung, keine Berufsausbildung und also auch kein Einkommen, welches ihm ein selbstständiges Leben hätte ermöglichen können. So tat er das Einzige, was einem Menschen in solch einer Situation übrig blieb: Er ging auf die Suche nach seinem Glück in der verheißungsvollen Stadt Bangkok. Er war gerade erst siebzehn Jahre jung und so musste er sich auch dort von ganz weit unten seinen Weg bahnen. Hei war in einem Slum am Rande der Großstadt untergekommen, wo die Kinder und die Jugendlichen eigene, von den Eltern wenig beeinflusste Gesellschaftsstrukturen hatten. Es waren ganz harte mafiöse Strukturen, in denen man einen Platz fand, oder aber

gnadenlos unterging. Es ging schon bei den ganz Kleinen im wahrsten Sinne des Wortes um Leben oder Tod. Vu Hei war von schmächtiger Statur und er war ein Neuling, der zudem völlig alleine, ohne Verwandte oder Freunde dastand. Er hatte jedoch eine ganz besondere Stärke: Er war sprachbegabt. Er sprach fließend Mandarin, Vietnamesisch, Thai und Khmer, aber selbst sein Englisch war außergewöhnlich gut und schließlich verstand er sogar Lao ganz passabel. Diese Gabe, gepaart mit einem diplomatischen Feingefühl und seiner absoluten Unabhängigkeit machten ihn prädestiniert für Aufgaben als Kurier, Kundschafter und Vermittler in schwierigen Banden-Angelegenheiten. Ein weiterer Aspekt, nämlich sein völlig fehlender Respekt vor ethnischen Empfindsamkeiten, seine mangelnde Fähigkeit sich unterordnen zu können und sein tief liegender Hass auf die Gesellschaft machte ihn im Laufe der Zeit gefährlich und mächtig. Vom Drogenkurier arbeitete er sich zum Drogenhändler empor. Und wäre er nicht hin und wieder durch drogenabhängige Ausländer, deren Mentalität er überhaupt nicht handhaben konnte, in Schwierigkeiten gebracht worden, wäre er bestimmt einer der

ganz Großen in dieser Stadt geworden.
Vu Hei fand eine treue Frau, die Geliebte, Freundin, Vertraute und Komplizin für ihn wurde. Er baute sich ein Haus mitten in dem Slum, den man sich nicht als Wellblechhüttensiedlung vorstellen darf, sondern eher als eine chaotische Ansammlung von richtigen Holzhäusern, mit ebenso unstrukturierter Wasser- und Stromversorgung. Vu Hei´s Haus sah man an, dass er es zu etwas gebracht hatte und Vu Hei´s Haus war eine kleine Machtzentrale, die jeder kannte.

Vu Hei erlaubte sich keine Fehler oder Nachlässigkeiten mit Ausnahme jener Missverständnisse, die es beim Umgang mit den Farang genannten Ausländern gelegentlich gab. Einer dieser Farang hieß Florian Grünzel, und der wurde Vu Hei fast zum Verhängnis. Zunächst war Florian nur ein ganz normaler Süchtiger, der durch einen Insidertipp zu Vu Hei kam um sich mit Heroin und bisweilen auch synthetischen Drogen zu versorgen. Dann ergab es sich einmal, dass Florian bei einem kleinen Geschäft mit ein paar Amerikanern behilflich war und selbst als Kurier fungierte. Der reibungslose Ablauf dieser

Aktion und der chronische Geldmangel Florians ließen Vu Hei leichtsinnigerweise annehmen, dass der Farang für gelegentliche Gefälligkeiten, die er dann in Naturalien vergolten bekam, geeignet wäre. Da dies auch eine ganze Weile gut ging, ließ sich Vu Hei dazu verleiten, Florian bei einem richtig großen Geschäft als Kurier einzusetzen. Er befürchtete schon eine ganze Weile lang, dass seine eigenen Leute von der Drogenpolizei beobachtet wurden. Florian sollte als Tourist nach Chiang Rai reisen und dort Kontakt mit einem Großhändler aufnehmen. Er wurde genauestens instruiert, da alles sehr geheim abgewickelt werden musste und auch in Chiang Rai vorerst niemand von dem neuen Kurier wissen durfte. Dazu bekam er einen größeren Geldbetrag, nämlich umgerechnet fast 20.000 Euro, ein Auto und einen Beschützer kambodschanischer Abstammung. Dieser war Vu Hei noch aus seiner Jugendzeit vertraut, und er war erst vor Kurzem zu der Truppe in Bangkok dazugestoßen. Es war ein richtiger Provinzganove, der zwar sehr gut mit seinem alten Armeerevolver rumballern konnte, der aber zu wenig Grips besaß, um entscheiden zu können, wann er dieses zu tun oder besser zu lassen hätte.

Er war auch zu dämlich, um zu merken, dass Florian sich an keinerlei Anweisungen hielt und sich bei einem Toilettenstopp mit Auto und Geld aus dem Staub machte. Während der Ballermann seelenruhig darauf wartete, dass Florian zurückkehren und ihn wieder mitnehmen würde, verstrich wertvolle Zeit um die Fährte zu Florian aufzunehmen.
Nun konnte man nicht unbedingt behaupten, dass Florian Grünzel viel von der Intelligenz und Gerissenheit seines Vaters geerbt hätte, eher war es dessen Skrupellosigkeit. Vielleicht war es auch die Sucht, die sein Gehirn langsam angefressen hatte, auf jeden Fall dachte der Farang, dass er das Geschäft mit den gleichen Leuten auch alleine und auf eigene Rechnung durchziehen könnte und dann nichts weiter passieren würde. Als er also an dem vorher vereinbarten Treffpunkt, einem schäbigen Hotel in Chiang Rai, ankam und wie geheißen nach einem
Indianer-Chang fragte, wurde er von den Hotelangestellten völlig ungläubig angestarrt. Die Männer taten so, als hätte sie den Namen noch nie gehört, oder als ob sie Florian nicht verstanden hätten. Doch der behauptete frech, dass er und Indianer-Chang sich kennen würden und eine geschäftliche Verabredung hätten. Man

vertröstet ihn auf später, man würde ihn in seinem Zimmer aufsuchen. Anschließend müssen die Geschäftspartner darüber beraten haben, was sie mit diesem Gringo anstellen sollten. Ganz geheuer war ihnen dessen Auftritt nicht, da man in diesem tödlichen Gewerbe mit so viel Naivität eigentlich nicht rechnete. Aber einfach ignorieren konnten sie den Fremden dann auch wieder nicht. Schließlich war er ja zielstrebig hierher gekommen und hatte nach einem ihrer Ganovenkumpel gefragt.
Eine gute Stunde später klopfte es an Florians Tür. Als er sie öffnete, starrte er in die finsteren Gesichter von drei dunkelhäutigen Muskelprotzen, die ihn einfach zur Seite stießen und die Zimmertür hinter sich verschlossen. Einer der Männer blieb dort stehen, ein weiterer eilte sofort zum Fenster und beobachtete das Treiben auf der Straße, und der dritte fing an, das
Geschäft mit Florian abzuwickeln. Und das ging dann so vonstatten, dass er sich nach ein paar grundsätzlichen Fragen zu Florians Kenntnissen über das Geschäft und über die Akteure, das Geld zeigen ließ. Er überprüfte die Summe und nahm die Scheine dann an sich. In gleichem Moment zückten alle Drei riesige Handfeuerwaffen, sagten noch artig

»Thank you!« und verließen den Raum rückwärtsgehend. Florian wagte es kaum, zu atmen. Sein Puls war bei ungefähr zweihundert angekommen und er konnte nur mit großer Mühe seine Hinternrosette zusammenkneifen. Als er schließlich begriffen hatte was soeben geschehen war fing er an zu schluchzen, schmiss sich auf das Bett und heulte wie ein Schlosshund. Nach und nach wurde ihm bewusst, wie tief er seinen Hals in die Schlinge gesteckt hatte! Schlimmer hätte dieses Abenteuer einfach nicht ausgehen können! Wenn Florian jetzt in der Lage gewesen wäre, einen klaren Gedanken zu fassen, dann hätte das Resümee folgendermaßen aussehen müssen: Er hatte sich soeben einen der mächtigsten Bosse der Bangkoker Drogenmafia zum Feind gemacht. Okay, es war nur ein relativ kleiner mächtiger Gangsterboss, aber immerhin! Er hatte sich um seine einzige Drogenquelle gebracht, was wahrscheinlich sogar noch schwerer wog. Dann hatte er noch genau Einhundertzwanzig Baht in der Tasche, musste davon noch Zweihundertziebzig Baht für das Hotelzimmer bezahlen, musste irgendwie zurück nach Bangkok kommen und schließlich auch noch etwas zu Essen

und zu Trinken kaufen. Darüber hinaus musste er nebenbei ein neues Leben beginnen und, das hätte ich fast vergessen, sein Visum verlängern lassen. Dafür wiederum würde er einige Tausend Baht für den Overstay benötigen, würde aus dem Land ausreisen und für ein neues Visum wieder einreisen müssen.
Aber Florian konnte in diesem Moment nicht klar denken, denn erstens war er in eine nackte Panik verfallen, und zweitens brauchte er jetzt ganz dringend einen
Schuss! Nachdem er sich ausgeheult hatte sprang er auf, raffte seine Plastiktüte mit Habseligkeiten und rannte aus dem Hotel. Er hatte ja noch das Auto! Er öffnete die, überraschenderweise unverschlossene Tür, startete den Wagen und raste davon in Richtung Bangkok. Ein Blick auf die Nadel der Tankuhr ließ ihn hoffen, zumindest bis Chiang Mai zu kommen. Dort gab es viele Touristen und da würde ihm schon etwas einfallen, wie er wieder zu Geld kommen könnte. Er fuhr die bergige Strecke mit vielen, vielen Serpentinen so schnell es der Wagen zuließ. Er machte keine Pause und verlangsamte in keiner der Ortschaften das Tempo. Florian bemerkte auch nicht, dass er etliche Male nur mit viel Glück auf der

Straße geblieben war und dass er nur dank der Ausweichmanöver zahlreicher Autofahrer keine Zusammenstöße verursachte. Florian kannte Chiang Mai von seiner ersten Thailandreise vor vier, fünf Jahren. Damals war er mit mehreren Freunden unterwegs gewesen, und damals war er noch nicht so stark abhängig von harten Drogen gewesen wie jetzt. Während er in die hereinbrechende Nacht fuhr, überlegte er krampfhaft, ob er sich noch an ein geeignetes Touristenhotel erinnern könnte, wo er eine Chance hatte, Geld zu schnorren. Und im Geldschnorren war er wirklich gut, davon war er überzeugt!







Hat Ihnen diese Leseprobe gefallen? Sie können das Buch im regulären Buchhandel, im Onlinebuchhandel oder direkt bei mir bestellen.

Stacks Image 14